Wie man sich die Musik zurückholt und einen Algorithmus erzieht! Und was das mit Digitalisierung zu tun hat …

Schlager vs. die gute Musik …. 

Ich wollte einfach nur Musik hören. Ganz normal. Ein bisschen Hintergrund, ein bisschen gute Laune. Wer mich kennt, der weiß, ich bin vielschichtig, ein bisschen edm (electronic dance music), gerne ein wenig Klassik reingemischt und dazu auch gerne Soul, Funk, Disco. Oder alles ein bisschen. Gerne auch Rock oder den großen Robert Miles oder oder Insomnia, weil das oft bei mir zutrifft. 

Also habe ich den Streamingdienst in Sachen Musik geöffnet.

Und dann kam schleichend aber deutlich: Schlager. Mit blonder Mähne, Häkelmützchen und gerne knapp in Leder. Mit Herzi, Verlassen werden und anderen Texten, die man nicht kennen muss um sie mitzusingen. Sie kamen nicht sofort, nicht offensichtlich, aber sie kamen. 

Erst ein Song. Dann noch einer. Wie ein Virus schlichen sie sich ein, diese Herzschmerzweisen und vermehrten sich schnell. 


Der Moment, in dem man merkt: Hier läuft etwas falsch

Das ist der Moment in dem man klar weiß, das ist nicht meine Musik. 

Und während sich dein Gehör noch ein wenig windet fällt es dir ein, du wurdest gehakt. Nicht im bekannten Sinne, sondern der Mithörer deiner Familie hat den Algorithmus übernommen. Und dieser Algorithmus hat wohl vergessen, wer hier an sich den Ton angibt. 

Ehrlich: Ich habe nichts gegen gute Laune. Wirklich nicht. Soll jeder hören was er will, aber ich bin nicht Typ Schlager. Und es gibt einen Unterschied zwischen smoothen Sommergefühl und „Apres Ski um 16.00 Uhr“.

Das Problem: Der Algorithmus war überzeugt, dass ich genau das wollte.

Warum? Weil er gesehen hat, dass diese Musik abgespielt wurde.

Was er nicht gesehen hat: Dass ich dabei leicht irritiert aus der Wäsche geschaut habe.

So gesehen: Schuld war mein Mithörer, der in Sachen Musik voll auf der Gegenfahrbahn unterwegs ist und das wiederum bringt den Algorithmus ins Straucheln. 


Algorithmen sind wie übermotivierte Praktikanten

Sie geben sich Mühe. Sie lernen schnell. Aber sie verstehen keinen Kontext.

Jemand hört über dein Konto Musik? Für den Algorithmus ist das kein Besuch.

Das ist eine Persönlichkeitsentwicklung. Er freut sich über die Änderung und fängt sofort an zu liefern. 

Dass er einem die Statistik dabei versaut, interessiert den Knilch nicht. Er liefert. Ob man dann verwirrt schaut oder ob man mitgröhlt ist nicht relevant. 


Also habe ich getan, was man in solchen Situationen tun muss

Ich habe eingegriffen. Nicht dramatisch oder technisch, aber extrem konsequent. 

Skip.
Skip.
Skip.

Dann: Funk. Soul. Disco. EDM

Bewusst. Wiederholt. Ohne Diskussion. Konsequent habe ich gesagt: Freundchen, ich bins, die mit der anderen Tonlage und wir holen das jetzt zurück. 


Und plötzlich passierte etwas sehr Befriedigendes

Er wurde ruhiger. Der Algorithmus. Er lernte und fing an etwas zu ändern, was meinen Ohren gut getan hat. Wir haben beide durch geatmet.

Es gab keine musikalischen Ausreißer mehr. Keine Überraschungen, die man erklären müsste. Vor allem, meine Gehörgänge sind zufrieden. Wir fühlen uns sehr wohl und schweben auf der groovigen Wolke wippend durch den Tag. 

Da ist der Flow wieder. Das Gefühl von „ja, genau so“.

Und irgendwann war klar: Ich hatte gewonnen. Ich habe meine Musik wieder und die Auswahl läuft für mich. Der Mithörer bekam eine Ansage, er möge doch seinen Account anmelden, tut er es nicht, fliegen all die Schlager aus dem Programm. Man kann auch sagen: „Das will ich nicht“. 


Kleine Randnotiz: Das hier ist eigentlich kein Text über Musik

Was ich aber sagen will: Das hier ist eigentlich ein Text über Daten. Und damit auch über Digitalisierung im Gesundheitswesen.

Denn genau so funktionieren die Systeme, die uns überall begegnen:

  • in Apps
  • in digitalen Services
  • und ja, auch im Gesundheitsbereich

Sie beobachten, was passiert. Und daraus leiten sie ab, was „gewünscht“ ist.

Nicht, was gemeint war. Sie sind kein Mensch, sondern ein Programm, das auf gewisse Dinge reagiert. Sachlich. Emotionslos, klar. Das kollidiert mit uns Menschen, wir sind eben keine der Statistik angepassten Lebewesen, wir sind nicht immer skalierter. 


Das Problem ist nicht der Algorithmus

Das Problem ist, dass wir oft nicht merken, dass wir ihn trainieren. Den Algorithmus. 

Jeden Tag.Mit jedem Klick. Mit jedem „ach, ist egal, lass laufen“. Und wundern uns wenn auf einmal völlig andere Tonlagen präsent sind. 


Die gute Nachricht

Man kann das ändern. Man muss kein Code schreiben. Man muss nicht Informatik studieren.

Man muss nur anfangen, bewusst zu handeln. Kritisch hinschauen, sich selbst bewusst sein und bewusst handeln. Gerade im Gesundheitsbereich und in der Digitalisierung ist dies ein wichtiger Punkt. Wer digital bewusst handelt, handelt im Sinne des eigenen Erkrankungs- und Gesundheitsmanagement. Wer weiß, wie ein Algorithmus tickt, was einfach ist, weil diese Kerle einfach gestrickt sind, kann mehr bekommen und vor allem das, was dem Anliegen entspricht. 

Das was sich so bequem anfühlt, weil freundlich und im Hintergrund zuverlässig agierend, ist es nicht. Es braucht ein bisschen Wissen, das Hinterfragen und auch das „glaube ich dir nie“ im Bewusstsein, das eben den digitalen Helfer in Frage stellt oder auch einen selbst. 


Mein persönlicher Erfolg in Zahlen

Die Schlagerfraktion ist raus. 
Funk/Soul/Disco: stabil wachsend
Zufriedenheit: signifikant gestiegen, wir sind wieder im Flow. 


Fazit

Algorithmen sind nicht unser Schicksal.

Sie sind Systeme. Und Systeme reagieren auf Verhalten.

Manchmal reicht es schon, ein paar Mal konsequent „Skip“ zu drücken, um die Richtung zu ändern. Oder bewusst selbst eine Auswahl zu treffen, sich umzuschauen. Agil zu bleiben. 

Oder anders gesagt: Ich habe einen Algorithmus erzogen.

Und er hat gelernt. Der Algorithmus. Ich auch: Ich erkläre ihm regelmäßig welche Richtung wir einschlagen.

Bonus: Die „Algorithmus-Reset“-Playlist (5 Songs die ich sehr mag und die funktionieren)

Falls jetzt jemand denkt: „Ja schön, aber womit fange ich an?“ – hier meine persönliche Kurzkur für einen musikalischen Neustart:

  • Stronger Than Me – Amy Winehouse
  • September – Earth, Wind & Fire
  • Lady (Hear Me Tonight) – Modjo
  • Music Sounds Better With You – Stardust
  • Children – Robert Miles

Fünf Songs, die ziemlich zuverlässig klar machen, in welche Richtung es gehen soll. Und ja: Der Algorithmus versteht das.

Das Gute ist: der digitale Gesundheitsalgorithmus kann das auch. 🙂

Text: Birgit Bauer @edha

Bild: Mit ChatGPT entwickelt – zwecks Algorithmuserziehung 🙂

Bild von Birgit Bauer

Birgit Bauer

edha wurde 2022 als gemeinnützige Organisation von Birgit Bauer gegründet. Birgit ist Kommunikationsexpertin und Digital Health Expertin. Sie ist auch Patient Expert und lebt seit über 20 Jahren mit MS (Multiple Sklerose). 2022 hat Birgit auch das Projekt “Data Saves Lives Deutschland” etabliert und arbeitet erfolgreich mit der Community, die wir auch bei edha willkommen heißen.

Über edha

edha ist eine gemeinnützige Grassroots-Initiative für digitale Gesundheitskompetenz. Wir machen digitale Gesundheit verständlich – ohne Druck und ohne Fachchinesisch. Damit du informierter entscheiden und deine Versorgung aktiv mitgestalten kannst.